„Spannende Aufgaben gemeinsam lösen“

By Undine Stricker-Berghoff | Branchendialog | 5. Februar 2023

11 Minuten zum Lesen

Fahrt der Superlative im Shanghai World Financial Center
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Eberhard Vogler beschreibt seinen Werdegang von der Ausbildung zum Mechaniker und Industrieelektroniker sowie zum Maschinenbauingenieur bis hin zur Führungsposition bei TK Elevator, wo er Traktionsantriebe entwickelte und die Tests im Rottweiler Turm leitete. Als deutscher Vertreter in der europäischen und internationalen Aufzugsnormung betont er fundierte Ingenieurserfahrung, präzise Formulierungen und die Zusammenarbeit mit Unternehmen und Gremien wie EN 81 und ISO 810x. Er verteidigt harmonisierte Normen als unerlässlich für Sicherheit und Marktzugang, verweist auf Aktualisierungen hinsichtlich neuer Aufhängungssysteme und funktionaler Sicherheit und hebt die Kooperation zwischen Planern, Betreibern, Prüfern und Herstellern hervor. Mit Blick in die Zukunft hebt er globale Trends in der Angleichung und Digitalisierung hervor, darunter IoT, Fernwartung und künstliche Intelligenz, und schließt mit dem Motto: Gemeinsam vorankommen.

Ihr Autor interviewt das neue deutsche Gesicht in der Aufzugsnormung.

Ihr Autor (SB) hatte kürzlich die Gelegenheit, mit Eberhard Vogler (EV), Chefingenieur für Normen und Standards im Bereich Innovation und Betrieb der TK Elevator in Deutschland, über seine neue Rolle als Vertreter Deutschlands in der europäischen und internationalen Aufzugsnormung. Im November 2022 übernahm er diese Funktion von Dr. Gerhard Schiffner, ebenfalls von TK Elevator (TKE). 

SB: Herr Vogler, können Sie uns bitte einige Informationen zu Ihrem persönlichen und beruflichen Werdegang geben. 

EV: Ich habe in jungen Jahren zwei Ausbildungen absolviert: als Mechaniker und als Industrieelektroniker. Dieses Interesse an der Schnittstelle zwischen Elektrotechnik und Maschinenbau hat mich mein ganzes Berufsleben lang begleitet. Später habe ich Maschinenbau studiert und bin dann bei TKE in den Bereich Aufzugsentwicklung eingestiegen. 

Mehr als 14 Jahre war ich für die Entwicklung von Traktionsmaschinen verantwortlich. Ich war an der Entwicklung und Umstellung von asynchron angetriebenen auf permanent erregte synchron angetriebene Maschinen in allen Größen bis zu einer Spitzenleistung von über 1 MW beteiligt. Produziert wurden diese Maschinen beispielsweise für das Shanghai World Financial Center, dem mit 492 m zweithöchsten Wolkenkratzer der Stadt. Dieselben Antriebe wurden auch für das One World Trade Center in New York City verwendet. Ich fand es immer sehr bereichernd, die realen Prototypen in Aktion zu sehen und später auch die Produktionsstätten in unseren Werken zu besuchen.  

Nach dieser spannenden Zeit leitete ich sieben Jahre lang den Bereich Test & Qualification bei TKE. Während dieser Zeit war ich maßgeblich an der Planung des Testturms in Rottweil, Deutschland, und den für den späteren Betrieb erforderlichen Prozessen einschließlich der erforderlichen technischen Ausrüstung beteiligt. 

SB: Haben Sie auch ein Leben außerhalb der Arbeit?

EV: Oh ja. Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder, die studieren. Und dann ist da noch mein Hobbyraum, wo ich mich gerne mit meinen Handarbeiten beschäftige. Ich habe eine Werkbank, eine Tischlerbank und eine Elektronikecke; Basteln und Reparieren ist meine Leidenschaft. 

SB: Heute sprechen wir über Ihre neue Rolle in der europäischen und internationalen Normung als deutscher Repräsentant für Aufzüge und Fahrtreppen. Was hat Sie dazu bewogen, diese Funktion zu übernehmen?

EV: Vor etwa zweieinhalb Jahren wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre, die Position von Herrn Dr. Schiffner zu übernehmen. Mich reizte die Aussicht, an solch technisch umfassenden Systemen und Systemvernetzungen zu arbeiten. Außerdem hat mich der europäische und internationale Aspekt der Arbeit gereizt, insbesondere die Zusammenarbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Unternehmen und die Aussicht, spannende Aufgaben gemeinsam zu lösen. Am 1. November 2022 durfte ich diese Aufgabe übernehmen. 

Um im Bereich der Normung zu arbeiten, benötigen Sie verschiedene Qualifikationen; Erfahrung ist eine davon. Sie sollten die Aufzugstechnik verinnerlicht haben, den kompletten Produktaufbau kennen und genau wissen, wie alles funktioniert. Außerdem habe ich eine Leidenschaft für präzises und korrektes Arbeiten sowie für klare und prägnante Formulierungen. In den Standardisierungsgruppen wird gemeinsam eine für alle verständliche Textversion entwickelt. 

Um im Bereich der Normung zu arbeiten, benötigen Sie verschiedene Qualifikationen; Erfahrung ist eine davon. Sie sollten die Aufzugstechnik verinnerlicht haben, den kompletten Produktaufbau kennen und genau wissen, wie alles funktioniert.

"Spannende Aufgaben gemeinsam lösen" - New York
Blick auf das World Trade Center in New York City; Mit freundlicher Genehmigung von TK Aufzug

SB: An welchen Normungsarbeiten waren Sie bisher aktiv beteiligt?

EV: Ich habe bereits an CEN/WG6 teilgenommen, insbesondere an prEN 81 Teil 76 „Evakuierung von Personen mit Behinderungen mittels Aufzügen“ und Teil 72 „Feuerwehraufzüge“. Außerdem war ich in den Ad-hoc-Gruppen 2 „Türschutz“ und 3 „Aufhängungssysteme, Zugkraftberechnung“ aktiv.

SB: Sie folgen Gerhard Schiffner, ebenfalls von TKE, in CEN/TC 10 (EN 81-Familie) und ISO/TC 178 (ISO 810x-Familie). Was werden Sie genauso handhaben? Wo werden Sie anders handeln?

EV: Zunächst möchte ich Gerhard ausdrücklich dafür danken, dass er mich so umfassend und vorbildlich in meine neue Position eingeführt hat. Ich schätze ihn sehr als Person; er ist ein brillanter Aufzugsingenieur und verfügt über herausragende Expertise in der Normung wie kein anderer. Gerhard und ich arbeiten sehr präzise und verfolgen dasselbe Ziel: Sicherheit. Meine Erfahrung als Projektmanager und...Koordinator vieler parallel laufender Arbeiten. 

SB: In welchen Gremien wollen Sie sich persönlich engagieren? Und warum genau diese?

EV: Die Mitgliedschaft ist für ISO/WG 4, CEN/WG 1 und andere Arbeitsgruppen geplant. Als Convenor werde ich CEN/WG 10 leiten. Ende November 2022 ist die Plenarsitzung des TC 10 angesetzt, bei der ich offiziell ernannt werde (Kommentar des Autors: Inzwischen realisiert). Im Juni 2022 habe ich den Vorsitz des Deutschen Spiegelausschusses für Aufzüge übernommen; diese Übergabe fand offiziell im August 2022 statt.

Zu meiner Arbeit gehört auch die Mitarbeit in Verbänden. Ich werde mich weiterhin im Europäischen Aufzugsverband im Ausschuss „Codes & Standards“ und im Ausschuss „Technology & Standardization“ des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) sowie im Fachverband Aufzüge und Fahrtreppen engagieren.

SB: Sie werden nicht in der Lage sein, die ganze Arbeit persönlich zu erledigen. Mit wem streben Sie zukünftig eine enge Zusammenarbeit an? 

EV: Die anderen großen Aufzugsunternehmen und natürlich auch die mittelständischen Unternehmen sind in den EU-Normungsgremien sowie im deutschen Spiegelgremium vertreten. Hier vertreten wir die deutschen Interessen in den internationalen Gremien. Konkret bedeutet dies, dass die Lösungen der Normen auch in Deutschland anwendbar sein müssen. Alle anderen Länder tun dasselbe, ein Prozess, der für allgemein anwendbare Standards unerlässlich ist.

SB: Welche Rolle wird die EN 81 und die ISO 810x in Zukunft spielen?

EV: Die Normenfamilien EN 81 und ISO 810x sind und bleiben die maßgeblichen Regeln und Vorschriften für die Aufzugssicherheit in den meisten Ländern weltweit. Seit 2019, mit der Überführung der EN 81-20 in die ISO 8100-1, verfügen wir über technisch identische Grundlagenstandards unter zwei Bezeichnungen. Das Sicherheitsniveau der EN 81 ist weltweit anerkannt und gefordert. In vielen Ländern wird die EN 81 auch für Zertifizierungen verwendet. Wir als Hersteller gewährleisten die strikte Einhaltung dieser Regeln – zum Schutz unserer Kunden und Fahrgäste.  

SB: Welche Produkte und/oder Komponenten und/oder Dienstleistungen sollen zusätzlich in die Normung einbezogen werden? 

EV: Grundsätzlich sind Aufzüge und Aufzugskomponenten durch die aktuelle Normung sehr gut abgedeckt, was auch durch den sehr sicheren Betrieb der vielen Aufzüge weltweit bestätigt wird. Im Zuge der aktuellen Überarbeitung der ISO 8100-1 wird diese in einigen Punkten an den aktuellen Stand der Technik angepasst. Beispielsweise werden neue Aufhängemittel wie Gurte oder kunststoffbeschichtete Seile enthalten sein; Auch im Bereich der funktionalen Sicherheit werden Anpassungen vorgenommen. Weitere kleinere Verbesserungen werden ebenfalls enthalten sein. 

SB: Und wie erfüllt Ihr eigenes Unternehmen, TKE, all diese genannten Standards?

EV: Wie alle anderen Unternehmen der Aufzugsbranche beobachten wir die Weiterentwicklung der Standards, um frühzeitig handeln und die Produkte anpassen zu können. Diese Informationen geben wir an unsere Entwicklungszentren weiter, die dann sofort mit der Umsetzung beginnen können. 

SB: Die Verantwortung für Safety und Security liegt nicht nur in den Händen der Normungsgremien. Welche Rolle ordnen Sie Planern, Herstellern, Betreibern, Serviceunternehmen und Prüfern zu?

EV: Wenn es um Sicherheit geht, gilt stets: Alle Beteiligten müssen an einem Strang ziehen. Ein gemauerter oder betonierter Aufzugsschacht bildet eine zentrale Schnittstelle zwischen Gebäude und Aufzug. Die Planer kennen das Gebäude und den Standort des Aufzugs im Inneren genau. Die Betreiber müssen unter anderem den Servicevertrag abschließen und den Notruf abwickeln. Die Prüfer stellen sicher, dass die Zusammenarbeit aller Beteiligten zu einem positiven Ergebnis geführt hat – im Interesse der sicheren Beförderung der Fahrgäste. Die Aufgaben der einzelnen Gruppen sind in den gesetzlichen Bestimmungen festgelegt. 

Planer und Betreiber beteiligen sich übrigens auch im deutschen Spiegelgremium. Je nach Thema werden weitere Akteure eingebunden, wie zum Beispiel Feuerwehrleute oder Vertreter von Behindertenverbänden.

'Spannende Aufgaben gemeinsam lösen' - Rottweil
Spitze des Testturms in Rottweil, Deutschland; Mit freundlicher Genehmigung von TK Aufzug

SB: Und noch weiter zurück zur Planung, wie sieht es mit der Standardisierung auf BIM zum Beispiel vom VDI aus? Wo verlässt es den Aufzug und die Rolltreppe?

EV: Technische Richtlinien sind oft die Grundlage für neue Standards wie BIM. Dazu wurde in der Arbeitsgruppe ISO/TC178/WG 13 mit der Arbeit an einem neuen Standard begonnen. VDI/bs 2552 Blatt 11.5 ist hier ein guter Ausgangspunkt.

SB: Erweitern wir den Blick. Was ist die (zukünftige) Rolle und der Einfluss der europäischen Gesetzgebung über die Aufzugsrichtlinie (LD), insbesondere die Maschinenrichtlinie (MD), aber auch allgemeiner, zum Beispiel auf Produkte oder Energie?

EV: Generell bin ich mit der europäischen Gesetzgebung und den Standards sehr zufrieden. Hier werden wirklich alle Länder berücksichtigt. Deshalb fühle ich mich in Europa nicht nur als Deutscher, sondern auch als Europäer. Ich bin überzeugter Europäer. Die EU hat in den letzten Jahrzehnten Großartiges geleistet.

Der LD ist der Teilaspekt für Aufzüge des MD. Die Unterscheidung nach Fahrstuhlgeschwindigkeit halte ich für pragmatisch. Die Hebegeräte sind bei MD in guten Händen. Die 40er-Normen der EN 81 decken genau diese Gruppe ab und die Unterscheidung ist gut.

In Sachen Energieeffizienz hat die Aufzugsbranche in der Vergangenheit schon viel erreicht. Als entsprechende technische Lösungen möchte ich energieeffiziente Antriebe und Steuerungen, Standby/Shutdown und moderne Beleuchtung nennen. 

Generell bin ich mit der europäischen Gesetzgebung und den Normen sehr zufrieden. Hier werden wirklich alle Länder berücksichtigt. Deshalb fühle ich mich in Europa nicht nur als Deutscher, sondern auch als Europäer. Ich bin überzeugter Europäer.

SB: Es mag Leute geben, die auch Nachteile in einer weiteren Standardisierung sehen, Stichwort Überregulierung. Was wäre Ihre Antwort?

EV: Harmonisierung führt in der Regel nicht zu Überregulierung – im Gegenteil. Durch die EU gibt es insgesamt weniger Vorschriften, und vor allem gelten in allen EU-Ländern dieselben. Das ist übrigens auch der Grund für die weltweite Normung bei der ISO.

SB: Wo sehen Sie generell die Vorteile einer (harmonisierten) Normung?

EV: Harmonisierung ist extrem wichtig. Der EU-Standardisierungsansatz garantiert ein überall gleiches Sicherheitsniveau und vereinfacht das Inverkehrbringen von Produkten. Aber natürlich ist es möglich, in kontrollierbarem Umfang von Standards abzuweichen, denn Innovationen müssen eingeführt werden können, und genau das ist eine der Stärken der europäischen Gesetzgebung. 

SB: Welche Trends gibt es in der Standardisierung?

EV: Der Trend geht eindeutig zu einer globalen Ausrichtung der Standardisierung im Aufzugsbau. Darüber hinaus stehen wir vor weitreichenden Entwicklungen in der Digitalisierung von Aufzügen. Allerdings haben wir noch viel Arbeit vor uns, um mit den rasanten Entwicklungen in den Bereichen IoT, Remote Services und künstliche Intelligenz Schritt zu halten.

SB: Was ist Ihnen in Sachen Normung noch wichtig, das Sie den Lesern in ganz Europa mitteilen möchten?

EV: Hervorheben möchte ich die professionelle Arbeit in den verantwortlichen Gremien. Sie beschäftigen sich mit hochkomplexen Fragestellungen, und die Kolleginnen und Kollegen zeigen stets ein hohes Maß an Engagement. Standardisierung ist wichtig für die Sicherheit von Aufzügen; Fahrgäste und Kunden können sicher sein, dass wir Experten aus ganz Europa ständig daran arbeiten, unsere Aufzüge [technisch auf dem neusten Stand] zu halten. Zugegeben, manchmal ist es notwendig, die Details akribisch zu diskutieren, aber die Ergebnisse dieser Diskussionen machen die Qualität einer Norm aus. 

SB: Und zum Schluss, hast du ein persönliches Motto?

EV: Gemeinsam vorankommen ist meine Devise! Ich schätze eine direkte, offene Kommunikation und Zuverlässigkeit, denn das führt zu Spaß an der Arbeit. Standardisierung ist alles andere als langweilig. Als Belohnung bekommen wir alle fantastische Standards zu sehen.

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