Visuelle Zwei-Sinne-Notfallkommunikation in Aufzügen

By Sascha Göbel | schaffen Aufrechtzuerhalten Mai 31, 2026

9 Minuten zum Lesen

HÖREN SIE SICH DIESEN ARTIKEL AN

Von der Speziallösung bis zur Planungsanforderung

von Sascha Göbel, EW Europe Korrespondent

Der Ablauf ist seit Jahrzehnten unverändert: Der Aufzug hält, ein Fahrgast drückt den Alarmknopf, eine Stimme antwortet, Hilfe trifft ein. Simpel, bewährt, zuverlässig – solange die eingeschlossene Person hören, sprechen und die Sprache der Notrufzentrale verstehen kann. Fehlt eine dieser Bedingungen, versagt das System genau dort, wo es am wichtigsten ist.

Für gehörlose und schwerhörige Menschen ist dies keine theoretische Randnotiz. Eine 2024 in der Fachzeitschrift veröffentlichte Studie belegt dies. Gebäude Eine Studie des MDPI zu den Kommunikationsbedürfnissen gehörloser Aufzugsnutzer im Notfall ergab, dass 81.55 % der Befragten eine visuelle oder textbasierte Schnittstelle zur Notrufzentrale wünschten. Dieselbe Studie beschreibt die Ausgangslage klar: Bestehende Alarmsysteme sind auf Sprachkommunikation ausgelegt – und genau dieser Kanal ist für diese Zielgruppe ungeeignet.

Die Folgen reichen weit über die Barrierefreiheit für gehörlose Nutzer hinaus. Jeder, der die Sprache der jeweiligen Anlaufstelle nicht spricht – sei es in einem Hotel, einem Flughafen, einem Krankenhaus oder auf einem Universitätsgelände –, steht vor einem strukturell identischen Problem. Der Knopf wird gedrückt. Eine Stimme antwortet. Sie wird nicht verstanden. Hilfe mag trotzdem eintreffen – doch die Kommunikationskette ist genau dort unterbrochen, wo sie geschlossen werden sollte.

Persönliche Smartphones verbinden sich drahtlos mit installierten Geräten.

Ein regulatorischer Rahmen, der seinen Griff verschärft

Das Thema ist aus Normensicht nicht neu, gewinnt aber zunehmend an Konkretheit. Die Norm BS EN 81-70 legt die Anforderungen an die Barrierefreiheit von Aufzügen fest und wird in der Branche routinemäßig auf die Nutzbarkeit von Alarm- und Kommunikationssystemen für Menschen mit Hör- oder Sprachbehinderungen angewendet. Was die Norm im konkreten Installationskontext vorschreibt, hängt vom Gebäudetyp, den geltenden nationalen Rechtsvorschriften und der Auslegung durch die zuständige Behörde ab.

Michael Puttrus, Business Development Manager bei Telegärtner Elektronik, bringt es auf den Punkt: Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden ist eine rechtliche Verpflichtung, keine Frage des guten Willens – in Großbritannien abgeleitet aus dem Equality Act 2010 und der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Eine rein akustische Reaktion auf einen Notruf, so argumentiert er, genüge nicht den Anforderungen an eine Zwei-Sinne-Kommunikation, bei der ein Kanal definitionsgemäß visuell sein muss.

Eine terminologische Anmerkung ist hier angebracht: Der Begriff Notrufsystem ist im alltäglichen Sprachgebrauch üblich. Aktuelle Aufzugsrichtlinien und -normen verwenden den Begriff Zwei-Wege-Kommunikationssystem – eine Anforderung an höhere funktionale Präzision. Telegärtner fertigt Alarmsysteme, konstruiert diese jedoch so, dass sie den Anforderungen der geltenden Aufzugsvorschriften an Zwei-Wege-Kommunikationssysteme entsprechen. Dieser Unterschied sollte bei der Planung und Spezifikation berücksichtigt werden.

Installierte Geräte für den Anschluss

Der analoge Countdown

Die Umstellung ist bereits im Gange. In Großbritannien werden neue Anschlüsse an das PSTN/MSAN-POTS-Netz derzeit eingestellt; die vollständige Abschaltung ist für Januar 2027 geplant. Dieser Termin ist keine bloße Theorie: Aufzugsalarme, die noch über analoge Leitungen laufen, sind unmittelbar von einem Ausfall bedroht, sollte die Umstellung nicht rechtzeitig abgeschlossen sein. Schätzungen zufolge nutzen noch immer etwa die Hälfte aller installierten Notrufsysteme in Großbritannien analoge Anschlüsse. Das Zeitfenster für eine geordnete Migration wird immer kleiner.

Für Betreiber und Planer ergibt sich dadurch ein Moment, der sich direkt mit dem Thema dieses Artikels überschneidet. Wer aufgrund der Abschaltung des analogen Notrufsystems sein System erneuert, muss ohnehin den Aufzugsraum betreten. Die Frage ist, ob dieser Besuch nur für die Netzwerkumstellung genutzt oder gleichzeitig die Kommunikationsfähigkeit des Systems verbessert wird. Die Alternative – zwei Besuche, zwei Technikerteams, zwei Ausfallzeiten – ist die teurere. Das Netzwerkproblem zu lösen, während das Kommunikationsproblem ungelöst bleibt, ist nur eine halbe Sache.

Zwei Wege zur visuellen Kommunikation

Telegärtner Elektronik, ein Familienunternehmen aus Crailsheim mit rund 120 Mitarbeitern, entwickelt seit 1990 elektronische Kommunikationslösungen für die Aufzugsbranche. In den letzten Jahren hat sich das Unternehmen auf visuelle Zwei-Sinne-Notrufe spezialisiert und bietet aktuell zwei unterschiedliche Ansätze an.

Das erste System, intern als VNS bezeichnet, ist smartphonebasiert. Nach Auslösung des Alarms scannt der eingeschlossene Fahrgast einen im Fahrzeug angebrachten QR-Code. Dadurch öffnet sich eine visuelle Oberfläche, über die die Kommunikation mit der Notrufzentrale per Textnachricht erfolgt. Die Zentrale kann daraufhin visuell antworten – den Empfang des Anrufs bestätigen, die Ankunft von Hilfe ankündigen –, ohne dass ein gesprochenes Wort erforderlich ist.

Die Kommunikation erfolgt vollständig ohne externe Netzwerkverbindung für den eingeschlossenen Nutzer: Weder die mobilen Daten des Passagiers noch das WLAN des Gebäudes werden benötigt. Nach Auslösung des Alarms stellt das Gateway selbst eine lokale drahtlose Verbindung her, in die sich das Smartphone einwählt. Bei aktuellen Telegärtner-Geräten ist diese Konnektivität als Standardfunktion integriert – keine zusätzliche Hardware, keine Netzwerkabhängigkeit im Schacht.

Der zweite Ansatz, HBN genannt, ist ein fest im Fahrzeug integrierter Touchscreen. Er benötigt kein eigenes Gerät vom Fahrgast. Die Benutzeroberfläche ist permanent sichtbar und zugänglich. Laut Telegärtner eignet sich diese Option für Anwendungen, bei denen eine permanent sichtbare Kommunikationsfläche im Fahrzeug gewünscht wird und die Nutzung von Fahrgastgeräten als unzureichend angesehen wird.

Beide Systeme unterstützen 29 Sprachen. Die Benutzeroberfläche passt sich automatisch der Systemsprache des Smartphones des Fahrgasts an – oder im Falle des fest installierten Displays der konfigurierten Sprache.

Das Gateway als Fundament

Visuelle Kommunikation beginnt im Auto – stellt aber Anforderungen an die Hardware, die das Fahrzeug mit der Außenwelt verbindet. Telegärtner begegnet dieser Herausforderung mit dem IP-Gateway IPG 141, das den Übergang von analoger Infrastruktur zu 4G/VoLTE ermöglicht. Da jeder Hersteller unterschiedliche Gehäuse verwendet, sind beim Austausch eines bestehenden Geräts in der Regel Bohrungen und der Austausch von Steckverbindern erforderlich. Gateways, die ein DTMF-Protokoll wie P100 unterstützen, können in vielen Fällen durch das IPG 141 ersetzt werden, die Machbarkeit hängt jedoch von der jeweiligen Installation ab. Laut Puttrus sammelt Telegärtner stetig Erfahrung mit solchen Austauschprojekten; bei Unsicherheiten bezüglich der Kompatibilität mit einer bestehenden Installation empfiehlt er eine direkte Anfrage beim Hersteller.

Der IPG 141 ist nicht nur ein Gateway, sondern auch ein Router. Über eine integrierte Ethernet-Schnittstelle lassen sich Daten der Aufzugssteuerung – Fernwartung, Diagnosedaten, Statusmeldungen – ohne separate SIM-Karte oder zusätzliches Modem übertragen. Laut Telegärtner verfügt die mitgelieferte SIM-Karte (SiwalTec) über ein monatliches Datenvolumen von 100 MB, was den Datenübertragungsbedarf von Fernwartungsanwendungen in der Praxis deckt. Ein Betreiber, der 40 Aufzüge verwaltet, spart dadurch 40 separate Mobilfunkverträge für die Fernüberwachung der Aufzüge – ein Argument, das sich im Wartungsbudget bemerkbar macht, aber in Diskussionen über Barrierefreiheit selten im Vordergrund steht.

Über die Zugänglichkeit hinaus: Das Argument des universellen Zugangs

Puttrus sagte:

„Unser System erkennt keine Sprache – das ist auch nicht nötig. Die Benutzeroberfläche passt sich automatisch der Systemsprache des Smartphones an. Jemand, dessen Gerät auf Arabisch, Polnisch, Japanisch oder Spanisch eingestellt ist, kommuniziert mit der Rezeption genau in dieser Sprache.“

Dies verändert die Rahmenbedingungen für die visuelle Notrufkommunikation. Das Hauptargument beruht auf den Rechten und der Sicherheit gehörloser und schwerhöriger Nutzer – und dieses Argument ist für sich genommen stichhaltig. Die praktische Relevanz reicht jedoch weiter. Jedes Gebäude mit internationalem Publikum – Hotels, Flughäfen, Messezentren, Universitäten oder große Firmengelände – beherbergt regelmäßig Menschen, die die Landessprache nicht sprechen. Ein reines Sprachsystem benachteiligt sie im Notfall. Ein visuelles System mit automatischer Sprachanpassung beseitigt diesen Nachteil ohne jeglichen Aufwand für Nutzer oder Bediener. Laut Puttrus ist dies keine Funktion, sondern eine Folge der Systemarchitektur: Die Anpassung erfolgt ohne Konfiguration durch den Bediener, da das System die Spracheinstellung verwendet, die der Fahrgast bereits auf seinem Gerät gewählt hat.

Dass dieses Argument in der Praxis Bestand hat, wird durch eine Referenzinstallation veranschaulicht, die für eine besondere Resonanz steht. ELEVATOR WORLD Europe Leser: Auf der NürnbergMesse war Telegärtners Zwei-Sinne-Notrufsystem während der interlift 2025 im Einsatz. Eine internationale Fachmesse der Aufzugsbranche – mit Ausstellern und Besuchern aus Dutzenden von Ländern – ist genau das Szenario, für das die 29-sprachige Funktionalität entwickelt wurde. Dass die branchenführende Messe das System nutzte, ist keine bloße Werbeunterbrechung, sondern ein Leistungsnachweis unter branchenüblichen Bedingungen.

Nachrüstung: Was genau ist damit verbunden?

Bei den meisten installierten Liftanlagen stellt sich nicht die Frage nach der Planung neuer Installationen, sondern ob und wie ältere Systeme modernisiert werden können. Bei Telegärtner-Geräten der aktuellen Generation ist VNS bereits als integrierte Funktion verfügbar – eine Aktivierung genügt, ein Hardwareaustausch ist nicht erforderlich. Bei älteren Anlagen wird lediglich das Gateway ausgetauscht; der QR-Code-Aufkleber in der Kabine erfordert keine Eingriffe in der Kabine oder am Bedienfeld.

Die HBN-Alternative erfordert die physische Integration des Displays in das Fahrzeug. Der Installationsaufwand ist zwar höher, das Ergebnis ist jedoch eine permanent sichtbare Kommunikationsfläche, die unabhängig von den Geräten der Fahrgäste funktioniert. Bei Neuinstallationen können beide Systeme von Anfang an integriert werden.

Puttrus beschreibt die Wahl zwischen den beiden Ansätzen als eine Frage des Kontexts und nicht der Kosten: Wer möglichst wenig Beeinträchtigung wünscht, rüstet die Smartphone-Lösung nach; wer eine fest im Fahrzeug integrierte visuelle Kommunikation bevorzugt, wählt das Display. Beide erfüllen die technischen Anforderungen. Die Entscheidung hängt vom Gebäudetyp, dem Nutzerprofil und der Bereitschaft des Betreibers ab, sich im Notfall auf die Geräte der Fahrgäste zu verlassen.

Überwachung und Prüfprotokoll

Ein Notrufsystem, das ohne Überwachung funktioniert, führt unweigerlich zu Problemen mit der Bedienung. Telegärtner begegnet diesem Problem mit der TGE Cloud: Batteriestatus und Signalstärke der installierten Gateways werden in Echtzeit überwacht, sodass Abweichungen erkannt werden können, bevor sie im Ernstfall relevant werden. Alarme, Testanrufe und tatsächliche Notrufe werden in der Leitstelle archiviert – unabhängig davon, ob es sich um einen externen Dienstleister oder eine intern besetzte Campus-Einrichtung handelt.

Große Standorte und interne Empfangszentren

Nicht alle Notrufe werden an externe Notrufzentralen weitergeleitet. Für Krankenhäuser, Universitäten, größere Bürokomplexe und ähnliche Einrichtungen bietet Telegärtner sogenannte Campus-Lösungen an, bei denen der Anruf intern bearbeitet wird. Laut Hersteller werden die visuellen Kommunikationsfunktionen in dieser Konfiguration vollständig unterstützt – gehörlose oder nicht englischsprachige Anrufer erhalten unabhängig davon, ob es sich bei der anderen Seite um eine externe Notrufzentrale oder einen internen Empfangsschalter handelt, dieselbe visuelle Bestätigung ihres Anrufs.

Dies hat praktische Konsequenzen. In einem Krankenhaus, in dem ein erheblicher Anteil der Patienten, Besucher und Mitarbeiter hörbeeinträchtigt ist oder nur über begrenzte Englischkenntnisse verfügt, vereinfacht die Weiterleitung von visuellen Notrufen über eine interne Leitstelle die Betriebsführung und gewährleistet eine gleichberechtigte Kommunikation für alle Nutzergruppen.

Eine Planungsfrage, keine Produktfunktion

Visuelle Zwei-Wege-Notrufkommunikation in Aufzügen ist kein neues Konzept, und Telegärtner ist nicht das einzige Unternehmen, das sich damit beschäftigt. Was sich ändert, ist die Bedeutung des Themas in Diskussionen über Aufzugsplanung, Modernisierung und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften. Lange Zeit wurde Barrierefreiheit in Aufzügen primär unter physischen Gesichtspunkten betrachtet: Türbreite, Tastenhöhe, taktile Markierungen, Sprachansagen. Der Notruf galt als funktional und wurde nicht systematisch auf seine Eignung für verschiedene Nutzergruppen geprüft.

Diese Annahme ist längst überfällig. Die Forschungsergebnisse sind eindeutig: Reine Sprachsysteme lassen einen messbaren Anteil der Nutzer ohne funktionierende Notruffunktion zurück. Die technischen Lösungen sind vorhanden – sowohl für Neuinstallationen als auch für bestehende Systeme. Die Abschaltung analoger Systeme löst ohnehin eine Modernisierungswelle aus, in die sich die visuelle Aufrüstung mit geringem Mehraufwand integrieren lässt. Der regulatorische Rahmen wird verschärft, auch wenn Tempo und Präzision der Umsetzung je nach Markt variieren.

Die Frage für Betreiber, Planer und Gebäudeeigentümer lautet daher nicht mehr, ob visuelle Notfallkommunikation technisch möglich ist. Vielmehr geht es darum, ob das Fehlen einer solchen Lösung weiterhin akzeptabel ist – und ob der nächste Techniker, der sich bereits im Aufzugsschacht befindet, nicht genau der richtige Zeitpunkt ist, dies zu ändern.

Shares