Eine Diskussion über die Vorteile der Modernisierung
By Undine Stricker-Berghoff | Branchendialog | 1. Februar 2025
11 Minuten zum Lesen
Udo Hoffmann argumentiert, dass die Modernisierung von Aufzügen angesichts der Alterung der installierten Anlagen in Europa unerlässlich ist. Rund die Hälfte der 6.5 Millionen EU-Aufzüge ist älter als 20 Jahre, was mehr als 3 Millionen potenzielle Modernisierungskandidaten und ein erhebliches Marktpotenzial birgt. Die Modernisierung verbessert Sicherheit, Ästhetik, Zuverlässigkeit und, wo relevant, die Energieeffizienz. Digitalisierung und KI tragen dazu bei, Ausfälle und Servicezeiten zu minimieren. Die skalierbaren Pakete Prime, Plus und Pro von Otis standardisieren die Arbeitsabläufe, beschleunigen die Projektabwicklung und senken die Kosten. Hoffmann empfiehlt eine schrittweise Modernisierung anstelle des Austauschs einzelner Komponenten. Er betont die Einhaltung aktueller Sicherheitsstandards, Kosten-Nutzen-Analysen, die Schulung der Techniker in Elektronik, die sorgfältige Planung komplexer Anlagen und weist auf verfügbare Fördermittel für Energie, Barrierefreiheit und Notfallkommunikation hin.
Über den Austausch einzelner Komponenten hinausdenken – Anforderungen an mehr Sicherheit und Ästhetik erfüllen
Im Oktober 2024 Ihr Autor (USB), sprach mit Udo Hoffmann (ÄH), Senior Vice President Central Europe von Otis mit Sitz in Berlin, Deutschland, über die Modernisierung.
USB: Herr Hoffmann, im Jahr 2022 sprachen wir beide über das „Big Picture“ mit einem Fokus auf Trends im Aufzugsgeschäft in Europa (ELEVATOR WORLD Europe, März-April 2023.) Nach mehr als 30 Jahren in der Aufzugsbranche – die meiste Zeit bei Otis – sind Sie bestens qualifiziert, auf die Technologie zurückzublicken und Strategien für die (Teil-)Modernisierung zu entwickeln, unser heutiges Thema. Was ist Ihr Leitgedanke zu diesem Thema?
ÄH: Die gesamte Aufzugsbranche spricht von Modernisierung, da der Markt für Neuanlagen im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie deutlich beeinträchtigt wurde. Zudem bietet die Modernisierung die Möglichkeit, vielen Menschen zu einem angenehmeren Umfeld im privaten und beruflichen Leben zu verhelfen. Gleichzeitig erfüllt die Modernisierung eines Aufzugsystems die Wünsche der Nutzer nach mehr Sicherheit und ansprechender Ästhetik.
Der Wohnungsbau ist ein wichtiger Sektor für Aufzugsunternehmen. Die Städte in Europa sind alle schon lange weitgehend fertiggestellt. Bis 2050 werden fast 85 % der Menschen in Deutschland in Städten und damit in höheren Gebäuden leben. Auch die Demografie spielt eine Rolle: Die Häuser älterer Menschen werden nicht niedriger. Selbst wenn Neubauten entstehen, wie dies beispielsweise in Berlin der Fall ist, möchten die Nutzer nicht lange auf die Fertigstellung neuer Gebäude warten. All dies sorgt für weiteren Modernisierungsschub.
Aus technischer Sicht hilft die Digitalisierung bei der Modernisierung. Und auch KI wird zum Thema. Ziel ist es, Systemausfälle und Wartungszeiten von Aufzügen zu minimieren.
Betreiber und Nutzer fordern zu Recht auch, dass Aufzüge energieeffizient sind. Eine Modernisierung hilft hier, Energie einzusparen. Nach Jahren der Reduzierung von Energiebedarf und -verbrauch bei Aufzügen ist dies jedoch insbesondere bei neuen Aufzügen – trotz Fördermöglichkeiten – kein großes Thema mehr.

USB: Wie viele Aufzüge stehen in Europa und insbesondere in der DACH-Region (Deutschland, Österreich und Schweiz) zur Modernisierung an?
ÄH: Bei Otis sprechen wir von einem „alten System“, wenn es seit mehr als 20 Jahren installiert oder in Betrieb ist. Technologie und Vorschriften haben sich in dieser Zeit so stark verändert, dass man einen Aufzug danach kaum noch „erkennen“ würde.
In der Branche sprechen wir von rund 6.5 bis 6.6 Millionen Aufzügen in der EU. In der DACH-Region werden es etwa 1.2 Millionen sein. Das Potenzial ist enorm. Schätzungen zufolge sind rund 50 % der Aufzüge in der EU älter als 20 Jahre – das bedeutet, dass potenziell mehr als 3 Millionen Aufzüge in ganz Europa modernisierungsbedürftig sind. Es lohnt sich, die Modernisierung aus Branchensicht zu betrachten.
„Das Potenzial, von dem wir sprechen, ist riesig. Schätzungen zufolge müssen in ganz Europa potenziell mehr als 3 Millionen Aufzüge modernisiert werden.“
— Udo Hoffmann, Senior Vice President Central Europe von Otis
USB: Welches Geschäftspotenzial steckt dahinter für die Big Four?
ÄH: Bei Otis sehen wir die Modernisierung als Wachstumstreiber für unser Geschäft. Laut Angaben der European Lift Association (ELA) ist der Auftragswert für Aufzugsmodernisierungen in Europa in den vergangenen Jahren um rund 7 % gestiegen. Angesichts der wachsenden und alternden installierten Basis erwarten wir, dass die Aufzugsmodernisierung in den kommenden Jahren zunehmen wird.
USB: Passen Modernisierungsmaßnahmen auch in das Portfolio kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU)?
ÄH: KMU haben grundsätzlich ihre eigenen Begründungen. Nicht jeder Kunde möchte sich in die Hände eines Weltkonzerns begeben. Aber ich denke, es gibt sehr gute Argumente für Kunden, über eine Modernisierung bei einem weltweit führenden Unternehmen für die Herstellung, Installation und Wartung von Aufzügen nachzudenken. Jede Modernisierungslösung trägt zu mehr Sicherheit und Effizienz bei – und die weltweite Erfahrung aus zehntausenden Modernisierungen macht sich natürlich in vielerlei Hinsicht bemerkbar. Auch bei der Modernisierung treiben wir die Technologie voran, auch die Standardisierung.
Warum wird Normung übrigens oft als negativ angesehen? Sie bringt die Technik ja in allen Bereichen voran, wie wir beispielsweise bei der Energieeffizienz von Aufzügen gesehen haben. Die Normen treiben uns an. Wir folgen ihnen. Wir haben Einfluss auf ihre Entwicklung. Wir lernen von ihnen. Sind wir schneller als die technischen Vorschriften, beginnt der Kreislauf von vorne.
USB: Welche Modernisierungen bietet Otis an?
ÄH: Uns ist es sehr wichtig, dem Kunden im Vorfeld genau zuzuhören. In der Lösung werden Design und/oder Technologie dann stets individuell nach den Wünschen des Kunden umgesetzt.
Wir haben aber auch neue Standardlösungen für die Modernisierung auf den Markt gebracht. Dafür haben wir drei Pakete geschnürt: Prime, Plus und Pro. Damit sind wir in der Lage, große Stückzahlen schnell zu liefern. Das Volumen führt zu geringeren Kosten für die Kunden.

USB: Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Standardpaket“?
ÄH: Die Modernisierungslösungen sind skalierbar. Unser Prime-Paket beinhaltet beispielsweise den Erhalt des alten Antriebs plus eine neue Steuerung. Beim Pro-Paket hingegen wird bis auf die Türen alles ausgetauscht. Die neuen Teile sind technisch auf dem gleichen Stand wie bei komplett neuen Anlagen. Wie bei einem Kraftfahrzeug verbessert und erweitert das die Ersatzteilverfügbarkeit.
USB: Von welchen Zeiträumen ist die Rede, wenn tatsächlich sämtliche Aufzüge in Europa modernisiert werden sollten?
ÄH: Wie viel Prozent des Portfolios in welchen Zeiträumen fertiggestellt werden können, hängt von der Investitionsbereitschaft der Kunden und den verfügbaren Ressourcen in den Aufzugsunternehmen ab. Mitarbeiter könnten hier zum Engpass werden. Die „Babyboomer“ gehen derzeit in großer Zahl in Rente. Wir haben mehrere Ausbildungszentren in Europa, in denen wir Techniker ausbilden und ein duales Studium anbieten. Schulungen und Weiterbildungen finden sowohl in Präsenzform als auch digital statt.
Heutige Aufzugstechniker benötigen mehr Elektronik- und Elektrotechnikkenntnisse als früher. Der Trend geht hin zur Nutzung von Mobiltelefonen vor Ort. Künstliche Intelligenz liefert ihnen das Systemmodell und zeigt Optimierungsmöglichkeiten durch Modernisierung auf. Für neue Systeme sind diese Daten bereits verfügbar. Früher wollte der Kunde den Techniker bei der Arbeit sehen; heute muss das System „nur“ betriebsbereit sein.
USB: Welche Vorteile ergeben sich für Betreiber und Fahrgäste?
ÄH: Einer der Auslöser für Kunden, meist Betreiber, eine Modernisierung vorzunehmen, sind zunehmende und längere Ausfälle älterer Anlagen, etwa weil die Verfügbarkeit von Ersatzteilen sinkt. Dann beginnen die Nutzer an der Zuverlässigkeit des Aufzugs zu zweifeln, sie fühlen sich bei der Benutzung vielleicht sogar unsicher. Oder sie wollen die Nachhaltigkeit verbessern und/oder mehr Erlebnisse oder Informationen in der Kabine bieten. Die Planbarkeit einer Modernisierung erleichtert die Entscheidung.
„Bei einer Modernisierung ist es entscheidend, die neuesten Sicherheitsstandards einzuhalten. Dazu gehört auch die Steuerung und die damit verbundene digitale Bereitstellung der benötigten Daten.“
— Udo Hoffmann, Senior Vice President Central Europe von Otis
USB: Können Sie bitte etwas zu den Kosten sagen?
ÄH: Eine Kosten-Nutzen-Analyse ist unerlässlich. Bei einer Modernisierung fließen Faktoren wie Ausfallzeiten, Reparaturkosten und Investitionen in diese ein. Die Frage wäre also, ob die laufenden Reparaturkosten den Nutzen eines Austauschs – wie zum Beispiel bei einer neuen Heizungsanlage – übersteigen. Bei einem Austausch kämen auch noch bauliche Nebenkosten hinzu. So entsprechen die Standardschachtmaße der 1950er Jahre nicht mehr denen von heute. Die Kosten sind immer eine Einzelbetrachtung für jede Anlage.
USB: Gibt es hierfür finanzielle Förderungen?
UH: Die Förderlandschaft ist komplex und verändert sich schnell. Meines Wissens gibt es aktuell Ansätze für Energieeffizienz, Sanierung, Barrierefreiheit und Notrufkommunikation. Natürlich unterstützen wir unsere Kunden bei solchen Anliegen.
USB: Was sind die wichtigsten technischen Aspekte der Modernisierung?
ÄH: Bei einer Modernisierung ist es entscheidend, die neuesten Sicherheitsstandards einzuhalten. Dazu gehört automatisch auch die Steuerung und die damit verbundene digitale Bereitstellung der benötigten Daten. Oft kommt noch die Notruffunktion hinzu. Die Kombination dieser beiden Bausteine kann im Störungsfall zu einem schnelleren Ferneingreifen beitragen.
USB: Und wenn es sich um eine Teilmodernisierung bzw. den Austausch von Komponenten handelt, welche Teile sind überwiegend betroffen und warum?
ÄH: Oftmals wird entschieden, ob der Motor ausgebaut werden muss, da er defekt ist, oder ob im Zuge einer Modernisierung ein neuer Motor eingebaut werden kann. Dabei werden die Seile durch Flachriemen und die Treibscheibe ersetzt. Dadurch wird weniger Energie verbraucht, es wird kein Öl mehr zur Schmierung der Seile benötigt und die Anlage läuft insgesamt leiser. Die frontseitigen Bedienelemente wie Taster und Displays habe ich bereits indirekt erwähnt, damit im Zusammenspiel mit der Steuerung alle Daten für die Modernisierung bereitgestellt werden können.
Aber Vorsicht! Nur einzelne Komponenten auszutauschen, ist zu kurz gegriffen. Natürlich können Sie nur Komponenten ersetzen, aber so schöpfen Sie das volle Modernisierungspotenzial nicht aus. Aus Kostengründen mag es sinnvoll sein, nur den Innenraum zu modernisieren, doch die verborgene Technik ist weitaus wichtiger. Daher empfehle ich, je nach finanziellen Möglichkeiten schrittweise vorzugehen.
Als Otis das Empire State Building in New York City, USA, modernisierte, gab es einen Investitionsplan, der sich über mehrere Jahre Renovierung bei laufendem Betrieb erstreckte. Gleiches galt für die Modernisierung des Wiener Universitätsklinikums (AKH Wien) in Österreich, einem der größten Krankenhäuser Europas.
USB: Wie wird eine solche Modernisierung geplant und von wem?
ÄH: Otis plant die Modernisierung gemeinsam mit dem Kunden. Wir verfügen über die entsprechenden internen Experten. Auch unser Baustellenteam ist eingebunden. Bei komplexen Modernisierungen werden häufig zusätzlich Ingenieur- und/oder Planungsbüros hinzugezogen. Sie bringen eine zusätzliche Perspektive ein. Insbesondere Architekten schätzen es, wenn sie sich nicht um die technischen Details kümmern müssen.
USB: Wie lange dauert es und wie läuft es vor Ort ab?
ÄH: Ein Krankenhauskomplex, in dem der Betrieb auf keinen Fall gestört werden darf, erfordert natürlich eine viel detailliertere Planung als ein mehrstöckiger Wohnbau. In diesem Fall reicht es, wenn das Facility Management die Mieter informiert, sobald der Termin mit dem Kunden vereinbart wurde. Je länger die Vorlaufzeit ist, also beispielsweise jetzt im Oktober für den nächsten Juni geplant wird, desto angenehmer ist das Vorgehen für alle Beteiligten. Wenn es mal schneller gehen muss, weil beispielsweise ein System nicht mehr funktioniert, finden wir gemeinsam mit dem Kunden eine passende Lösung.
USB: Gibt es aktuelle Beispiele für Modernisierungsprojekte aus Ihrem Unternehmen?
ÄH: Oh ja! Im letzten Jahr haben wir auf dem LinkedIn-Account von Otis zwei umfangreiche Modernisierungsprojekte in Deutschland angekündigt: das Frankfurter Prisma-Gebäude und den Wohnkomplex Hannibal II in Dortmund mit mehr als 400 Wohnungen.
USB: Vielen Dank, Herr Hoffmann, für dieses zukunftsweisende Interview.
ÄH: Danke an EW für die ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Thema Modernisierung. Und an alle Leser: Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass Aufzugsmodernisierungen ein Booster für Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Komfort sind und nicht als Auslöser für viel Mehraufwand und Mehrkosten sowie Baulärm.





